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Jürgen Wilbert

Rede von Friedemann Spicker zur Buchpräsentation "Hirnbissiges"

30. November 2006
Zur Präsentation von Jürgen Wilberts "Hirnbissiges"
mit Zygmunt Januszewskis Zeichnungen.
Von Friedemann Spicker
Liebe Freunde des Aphorismus, liebe Freunde von Jürgen Wilbert!
Das eine geht fast nicht ohne das andere, das wissen Sie. Jürgen Wilbert in Hattingen vorzustellen ist unnötig: Der Organisator, der unermüdlich für seine kleinen Freunde die Trommel rührt. Der mit der Idee zum 1. deutschen Aphoristikertreffen 2004 groß gedacht hat und dann die Kleinarbeit der Organisation nicht scheut. Der seine Netze nach Vermont, Warschau, Wien und Paris, auch nach Darmstadt, Königswinter und Essen und wohin nicht noch? auswirft. Der die Kunst des Kultur-Bettelns, des Sponsorenbeschaffens versteht und Anfang des Monats ein zweites Treffen auf die Beine gestellt hat (oder hat er es auf den Kopf gestellt? Das wohl nicht, auf den Kopf komme ich später), ein zweites Treffen, das in mancher Hinsicht eine Steigerung war, vom Ertrag her wie vom Event-Charakter. Da wäre von Workshops, von Preisausschreiben, von musikalisch-literarischen Abenden, von Schullesungen und manch anderem zu reden. Den Organisator muss ich hier nicht vorstellen.

Aber ich will von dem Sitzungsteilnehmer erzählen, der sich Notizen macht, von dem Vortragshörer, der scheinbar mitschreibt. Da fällt er jeweils heimlich aus der Rolle. Er schreibt nicht mit, er notiert Ausgangs- und Ansatzpunkte, Worte, Wendungen. Beim Aphorismus ist das Under-cover-Thema immer die Sprache selbst. Wie das geht, das können Sie bei diesem Kritzler beobachten, der immer doppelt hört. Er kriegt die Inhalte mit und gleichzeitig ist ihm die Sprache immer Material. Jürgen Wilbert gehört zu den Aphoristikern, die immer auch auf einer zweiten Ebene der Gestalt nachhorchen, wenn's für den andern auf der ersten nur um Inhalt und Gehalt geht (und wie erst, wenn da kein Gehalt ist!). War da nicht in der Ausschusssitzung von den  Entscheidungsträgern  die Rede, hat er nicht Bedeutungsträger notiert, Hosenträger und Unwürdenträger gesehen und gehört? Das Ergebnis:  Bedeutungsträger - Entscheidungsträger - Würdenträger: Und die Hoffnung wird zum Wasserträger.  Hat er nicht immer wieder den getroffen, der auf alles eine Antwort weiß? Er gibt ihm seine Antwort:  Diejenigen, die auf alles und jedes eine passende Antwort wissen, sind noch lange nicht die Gefragtesten.  Wenn ich am Anfang sagte: er rührt die Trommel, dann ist zu befürchten, dass er mir das nicht ungekritzelt durchgehen lässt; ich sehe schon ein rührendes Trommelfell, das juckt, gerührt wie geschüttelt, ich höre auch ungerührt Trommelfeuer. So schlägt er häufig aus Sprichwort und Redewendung Funken.
Ihm liegt augenscheinlich an dem Körperteil, der den Hals abschließt, offensichtlich hat der Sportler auch die Kopfarbeit nicht versäumt. Er legt nun nach dem "Naserümpfen des Gehirns" und den  Kopfwehen   Hirnbissiges  vor. Aller guten Dinge sind drei. Aller besseren vier. Das ist ein schlechter Aphorismus, aber ein guter Wunsch. Und da heute auch Geburtstag ist - schließlich ist ein neues Buch in der Welt - können wir es auch mit unserer humanistischen Restbildung so ausdrücken: Ad multos aphorismos!

Nun aber zu Ihnen als die Leser: Wer könnte etwas gegen Entwicklung haben? Genau die fordert der Aphorismus auch im "Hirnbissigen". Der Leser muss recht eigentlich entwickeln, was der Autor in kleinen Portionen verpackt hat. Verpackt? Ja, wenn es so einfach wäre: Hier ist die Verpackung nämlich der Inhalt, und beides ist ineinander verwickelt. Beides muss der Leser im Zusammenspiel mit dem Autor entfalten, so verwickelt das auch sein mag. Was wäre der Aphorismus ohne dieses Entwicklungs-Spiel des Lesers? Der muss damit das Spiel des Autors aufnehmen und für sich weiterführen, er muss aus den Erkenntnismöglichkeiten, die sich ihm in den besseren Fällen anbieten, etwas realisieren, das auf und in seine Wirklichkeiten passt. Machen wir die Probe.  Im Herzen der Städte schlagen einem die Werbetrommeln bis zum Halse heraus.  Das Herz schlägt einem bis zum Hals: Da ist Angst evoziert. Die Werbung hängt einem zum Halse heraus: Da ist Überdruss angezeigt. Und die Werbetrommeln? Da geht's, mit der nötigen historischen Tiefe, ins Feld, da wird rekrutiert, da ist Militärisch-Militantes  im Spiel . Auf mindestens drei Ebenen kann der Leser das Erkenntnisspiel dieses Aphorismus aufnehmen.

Auf Jürgen Wilberts Aphorismen antwortet in dem neuen Band der Gulbranssen-Preisträger Zygmunt Januszewski, der seit Mitte der 80er Jahre mit vielen Ausstellungen auch in Deutschland hervorgetreten ist. Auch ihn muss man hier nicht mehr vorstellen: Nach seiner Ausstellung im Stadtmuseum 2004 ist er so etwas wie der künstlerische Begleiter der Aphoristikertreffen. Von Illustrationen kann keine Rede sein. In diesen Blätterköpfen (25, 43, 47, 51), diesen Fähnchenträgern, denen ein besonderer großer Wurf gelingt (29, 18), wird das eine Medium im andern weitergeführt, kontrastiert, aufgenommen: Es wird gespielt wie gedacht. Sehen wir ein solches Spiel nicht zum Beispiel in den drei labyrinthischen Schriftschachteln zeichnerisch übersetzt (12)?
Damit wird aus dem spielerischen Zweieck von Aphorismus und Leser, mit dem ich Sie eingewickelt habe, ein Dreieck Schreiber - Zeichner - Leser/Betrachter. Sie hätten Probleme mit dem Zweieck? Kein Problem! Lassen Sie sich zunächst auf Jürgen Wilberts Kunstgeschmacksverstärker oder Bildschirmverschoner ein, betrachten Sie Januszewskis Kopfschlegel (1), seinen Fahnenschwank, den Gesichtszügel (18), die Fragebank (Titelblatt), folgen Sie den Spitzen, die den Kopf bedecken und ihm durch die Wand zu gehen helfen (2), lassen Sie sich auf papiernen Leporello-Treppen ins Nirgendwo hinters Licht führen (4). Entwickeln Sie, nehmen Sie den Trialog auf! Und wenn Sie sich auf einer Trialüge ertappen, sind Sie schon der Dritte im Bunde.